TERPENTINERSATZ, 2020, 200 x 220 cm

Bemerkungen zu Christoph Mayers Zeichnungen

Lorand Hegyi

 

Unruhe, Chaos und ekstatisches Getümmel dominieren den Bildraum, eine Vermengung fragmentierter menschlicher, tierischer und pflanzlicher Körper, eine Verflechtung von architektonischen Gebilden und Textfragmenten. Durch diese chaotischen Zustände ergeben sich merkwürdige, enigmatische Begegnungen, entstehen Bühnen für unvorhersehbare Ereignisse, die die gesamte Bilddramaturgie determinieren.

Die Eigenartigkeit der visuellen Gestaltung dieser Zonen besteht darin, dass sie eine imaginäre, quasi-architektonische Räumlichkeit, eine virtuelle Tiefe suggerieren, gleichzeitig aber vollkommen in der fluktuierenden, vitalen, gestisch improvisierten, schriftartigen Bildorganisation integriert sind.

Durch die Umdeutung der gestischen, improvisierten und Räumlichkeit suggerierenden Bildformationen werden diese spezifischen Zonen zu Orten von besonderer Bedeutung, sie werden zur Bühne eines Geschehens, sie fungieren als Plattformen, auf der sich – im literarischen Sinne – Szenen ereignen, Figuren auftauchen, Konflikte stattfinden.

Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird auf gewisse, dramaturgisch isolierte Motive wie etwa Gesichter, Körperteile oder architektonische Fragmente gelenkt, zugleich wird der Betrachter aber subversiv in das fluktuierende, undurchsichtige, obskure Dickicht der dramatischen Bilderzählung vollkommen hineingezogen.

Die von urbanen Subkulturen geprägte zeitgenössische Theatralik in Christoph Mayers Oeuvre trägt romantische, pathetische und gleichzeitig neurotische Züge und sie entfaltet sich durch eine permanente Umdeutung der Bildelemente und ihrer strukturellen Rolle. Die verschiedenen gestischen Formationen und gegenständlichen Motive in den diversen Bereichen der Bildstruktur sind die Verkörperung dramaturgischer Konstellationen, sie dienen als Vermittler psychisch motivierter Ereignisse und gewaltiger, zerstörerischer Konflikte. Ironische Autodestruktivität, wilde Exzessivität und empathische Romantik füllen diese Bilddramaturgie, welche durch eine grenzenlose Vermengung unterschiedlichster formaler Mittel und verschiedenster subkultureller Referenzen zum Ausdruck kommt. In diesem Sinne könnte man behaupten, dass die graphischen Blätter von Christoph Mayer eine starke literarische, quasi-theatralische Prägung aufweisen, wobei die Bildstruktur von einem obskuren, pittoresken, psychisch dynamisierten Narrativ bestimmt wurde. Deswegen vermitteln seine Motive metaphorische Bedeutungen und weisen auf Referenzebenen hin, die starke literarische, anekdotische Inhalte in die visuelle Gesamtstruktur miteinbeziehen. Die von der radikalen Phantasie dynamisierten Assoziationen lassen die gesamte Bildstruktur als Ort obskurer Ereignisse, als Labyrinth undurchschaubarer Verhältnisse verstehen, wobei das anekdotische, dramatische Geschehen eine äußerst kompakte, dramaturgisch konzentrierte, poetische Kohärenz aufweist. Obwohl diese Bilder undurchdringlich und unerklärbar, enigmatisch und irrational, chaotisch und verwirrend erscheinen, werden sie von einer immanenten Bindekraft zusammengehalten, welche die zeichnerische Homogenität trotz der eklektischen Heterogenität des Bildmaterials bewahrt.

 

 

FLESHBACK, 2020, 70 x 100 cm